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Archiv für April 2012

Mindener Fehler mahnen Schaumburgs Planer

Bericht der Schaumburger Nachrichten vom 27.04.2012 von Arne Boeker

http://www.sn-online.de/Schaumburg/Landkreis/Aus-dem-Landkreis/Mindener-Fehler-mahnen-Schaumburgs-Planer

Seit März 2008 steht das Johannes-Wesling-Klinikum auf der grünen Wiese zwischen Minden und Porta Westfalica. Die Eröffnungsfeier trübten seinerzeit zwei Zahlen: 200 Millionen Euro hatte man als Kosten veranschlagt, tatsächlich verschlang der Bau 287 Millionen Euro. Wie es zu diesem Anstieg kommen konnte, zeichnet ein Gutachten der Wirtschaftsprüfer von BDO aus Köln nach. Das 24-Seiten-Papier sollte man im Landkreis Schaumburg sehr genau studieren: Einige der Mechanismen, die die Kosten in schwindelerregende Höhen getrieben haben, drohen auch das Gesamtklinikum Schaumburg zu verteuern, das in Obernkirchen gebaut werden soll.

Landkreis (ab). Das Johannes-Wesling-Klinikum (JWK), ein „Maximalversorger“, verfügt über 864 Betten. Das künftige Gesamtklinium Schaumburg, ein „Schwerpunktversorger“, will 437 Betten aufstellen. In beiden Fällen ersetzen die Neubauten Krankenhäuser, die aus wirtschaftlichen Gründen ausrangiert werden. Das JWK zählt zu einem Verbund von fünf Krankenhäusern, der sich „Mühlenkreis-Kliniken“ nennt. Das Sagen hat der Landkreis Minden. Der Landkreis Schaumburg will das Gesamtklinikum dagegen in die Hände der Diakonie geben.
Die Wirtschaftsprüfer von BDO üben scharfe Kritik an dem Mindener Bauprojekt.

Wie man mit der Methode Simsalabim Baukosten
runterrechnet

Die Finanzplanung vom 28. Mai 2002 sah als Kosten für Einrichtung und Ausstattung des Klinikums 31,5 Millionen Euro vor. Bis zum 12. Dezember desselben Jahres waren diese Kosten auf 2,4 Millionen Euro gesunken, der Wirtschaftsplan 2008 taxierte sie dann wieder mit 32 Millionen Euro.

Und in Schaumburg? „pro Diako“ aus Rotenburg (Wümme), der eigentlich vorgesehene Betreiber des Gesamtklinikums, sucht gerade nach Verstärkung, weil man sich wirtschaftlich verhoben hat. Im Gespräch ist eine Fusion mit „Agaplesion“ aus Frankfurt. Klar ist, dass sich durch diese Verzögerung eine Finanzierungslücke auftut. Die Gefahr besteht, dass sie geschlossen wird, indem man Kosten künstlich aus dem Plan herausrechnet.

Wie das Johannes-Wesling-Klinikum zur
„Sumpfklinik“ wurde

Auf die Risiken der baubegleitenden Planung wurde von den Planern nicht ausreichend hingewiesen“, heißt es auf Seite 7 des BDO-Gutachtens. Erst als die Bagger anrückten, stellten die Planer fest, dass sie im Urstromtal der Weser operieren. Also mussten 2000 Stahlpfähle, auf denen das Klinikum ruhen sollte, nicht zehn, sondern bis zu 39 Meter in den Boden gerammt werden. Mehrkosten: fast drei Millionen Euro.

Und in Schaumburg? Die Bürgerinitiative „Landschaftsschutz Schaumburg“ warnt, dass das Gesamtklinikum in der Vehlener Feldmark zur „Sumpfklinik“ zu werden droht, weil es im Überschwemmungsgebiet der Aue liegt. Die Planer sehen darin kein Problem.

Wie die Politik
den Planern
ins Handwerk pfuscht

Weil die nordrhein-westfälische Landesregierung das Krankenhausgestaltungsgesetz änderte, geriet die Förderung ins Rutschen, die sich die Mindener erhofft hatten. Laut BDO beträgt der Fehlbetrag 19,4 Millionen Euro. Er musste mit Krediten aufgefangen werden. Darunter wird der gesamte Mühlenkreis-Kliniken-Verbund noch lange zu leiden haben.

Wie Sparen
richtig teuer
werden kann

Weil die Ausgabe ins Uferlose zu steigen drohten, versuchten die Planer beim Bau des Johannes Wesling Klinikums Kosten zu kappen. Der Verzicht auf einen Generalunternehmer und der Einsatz von Billigarbeitern schuf aber neue Probleme. Unter anderem gelang es nicht, die Operationssäle keimfrei zu halten, weil die Belüftungsanlage nicht sachgerecht installiert worden war. Im Ergebnis hat jedes Bett, das heute im Johannes-Wesling-Klinikum steht, 327 000 Euro gekostet. Die Experten von BDO schreiben: „Uns bekannte Branchenwerte differieren zwischen 200 000 und 300 000 Euro pro Bett.“

Und in Schaumburg? Details zur Bauausführung sind bislang nicht bekannt. Allerdings: Schon heute lastet ein immens hoher Kostendruck auf dem Projekt – wie oben beschrieben.
Dem Fazit der Kölner Wirtschaftsprüfer ist eine gewisse Fassungslosigkeit zu entnehmen. Das „Mindener Tageblatt“ umschrieb dies so: „Die Verantwortlichen und die von ihnen Beauftragten waren mit dem Bau des Klinikums offenbar hoffnungslos überfordert.“ Manche Fragen konnten die Prüfer schlicht nicht beantworten, unter anderem weil die JWK-Planer DIN-Normen missachteten. Einen Verantwortlichen für die Gesamtkosten suchte BDO vergeblich.

Offen bleiben muss auch die Frage, wie hoch die Kosten sind, die die Planungsfehler seit Eröffnung des Johannes-Wesling-Klinikums ausgelöst haben und noch auslösen werden. Nicht zufällig haben die Prüfer von BDO auf die letzte Seite ihres Gutachtens ein riesiges Fragezeichen gerückt.

Alle Facetten beachten

19.04.2012
Leserbrief zum Artikel “Klinikum ja, Vehlen nein” vom 14. April

Schaumburger Nachrichten / 19.4.2012

Landkreis

Wir lesen nun zum wiederholten Male breit gefächert die Argumentation, die von Seiten der Bürgerinitiative „Sumpfklinik“ und in zunehmendem Maße auch von der politischen Seite der Bündnisgrünen der Presse vorgetragen wird.

Als allgemeine Bewertung soll vorab gesagt werden, dass der Eingriff in die Landschaft durch den Bau des Klinikums nicht nur von den Projektkritikern, sondern auch von fast allen Bürgern unserer Stadt mit Bedauern empfunden wird.

Gleichwohl müssen wir darauf achten, dass bei der häufigen Wiedergabe der Argumente der Kritiker die Wahrheit nicht übertüncht wird.

Zu den im Artikel vom 14. April genannten zeitlichen Daten: Es ist unrichtig, dass erst am 22. September 2010 „durchsickert“, dass die Kreisverwaltung den Standort Vehlen präferiere.

Richtig ist, dass fast auf den Tag genau ein Jahr zuvor, am Montag, 21. September 2009, in der Dorfgemeinschaftsanlage Vehlen eine Informationsveranstaltung stattfand, in der Herr Eppmann von „pro Diako“ in einer Präsentation, begleitet von Stellungnahmen des ebenfalls anwesenden damaligen Landrats Heinz-Gerhard Schöttelndreier, die Pläne für den Klinikumneubau einem Publikum von etwa 220 Personen, inklusive der Presse, vorgestellt hat. Diese Präsentation wurde intensiv diskutiert.

Fakt ist auch, dass ein halbes Jahr danach, im April 2010, in der Liethhalle die Ergebnisse eines Architektenwettbewerbes zum Klinikumbau der Öffentlichkeit viele Tage vorgestellt wurden.

Die Frage, warum hier mit falschen Zeitangaben operiert wurde, lässt sich leicht beantworten:

Die sogenannte Bürgerinitiative hat ein Jahr lang die Thematik verschlafen, die sie heute in ständiger Wiederholung als Problem beklagt.

Zum Kern der Sache:

Fakt ist, dass der Landkreis in der Thematik Klinische Vorsorge von einem essenziellen Kostenproblem in die Nähe eines existenziellen Problems rutscht und Handlungsbedarf für ihn dringend geboten ist.

Fakt ist aber auch, dass der vorgesehene erhebliche Eingriff in die Landschaft nach gewissenhafter Prüfung der Alternativen sowie nach Abwägung aller Restriktionen aus Bergbau und Flugverkehr erfolgt ist.

Fakt ist ebenfalls, dass der direkte Eingriff in die Natur sich im Wesentlichen auf Ackerflächen beschränkt und dass Ausgleichsmaßnahmen stattfinden werden, die nach Bewertung von Experten den Eingriff in den Naturhaushalt zumindest kompensieren.

Fakt ist aber bedauernswerterweise auch, dass für die hier existierenden landwirtschaftlichen Betriebe große Flächen verloren gehen, die nicht kompensiert werden können.

Wer klagt darüber in ständiger Wiederholung in der Presse?

Fazit: Wir tun gut daran, alle Facetten dieses Projektes zu beachten, nicht nur die Themen, die uns bestimmte Interessengruppen vorgeben wollen.

Ernst Völkening, Obernkirchen

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Sehr geehrter Herr Völkening,

hätten Sie sich ein wenig informiert, wüssten Sie dass die BI sehr viele Facetten beachtet, die von der Planung betroffen sind. Ich empfehle Ihnen als Lektüre unsere Petition vom 13.07.2010, die Ihnen offensichtlich nicht bekannt ist.

http://bit.ly/ItvaFS

Von einem hier nicht namentlich benannten Obernkirchener Ratsherren werden Einwände zum Klinikum, die im überigen nicht nur von der örtlichen BI sondern beispielsweise auch vom niedersächsischen Heimatbund kommen, mit den Worten abgetan “Wer sind wir denn, dass wir uns mit soetwas beschäftigen müssen!” Ist dass für Sie in Ordnung?

Ausserdem wurde auch die Ernsthaftigkeit der Petition bezweifelt, eben gerade aus dem Grund, weil wir sehr viele Facetten beachten. Und das werden wir auch weiter tun.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Knickmeier

Klinikum ja, Standort Vehlen nein

Schaumburger Grüne kritisieren nach wie vor die Standortplanung für das geplante Gesamtklinikum Schaumburg.
Siehe nachfolgender Bericht der Schaumburger Nachrichten vom 14.04.2012

Klinikum ja Standort Vehlen nein SN

Klinik-Baustelle soll im Spätsommer eröffnet werden

Bericht vom 14.04.2012 von Frank Werner

http://www.landes-zeitung.de/portal/lokales/lz-heute_Klinik-Baustelle-soll-im-Spaetsommer-eroeffnet-werden-_arid,420000.html

Bald ist es mit der Ruhe vorbei: Im Spätsommer dieses Jahres sollen in der Vehlener Feldmark die Bagger anrücken. Foto: tol

Landkreis. Noch diesen Spätsommer, da legt sich ProDiako-Geschäftsführer Heinz Kölking fest, wird in Vehlen die Baustelle für das neue Klinikum eröffnet. Davor liegt die Fusion mit dem Gesundheitskonzern Agaplesion und eine Baugenehmigung, die juristisch wasserdicht sein muss. Beide Wegmarken auf dem Fahrplan zum Neubau sollen bis Ende Juli erreicht sein. Denn fest steht auch: Je länger die Reise dauert, desto teurer wird sie für alle Beteiligten.

Mit „Hochdruck“ arbeite man in der Kreisverwaltung derzeit daran, die baurechtlichen Voraussetzungen für den Neubau zu schaffen, sagt Landrat Jörg Farr. In Abstimmung mit einem Fachanwalt – angesichts der Konflikterfahrungen mit der Bürgerinitiative wäre niemand überrascht, würde die Baugenehmigung auch juristisch angefochten. Grünes Licht erwartet Farr für Ende Juli.

Schon einen Monat früher, bis Ende Juni, soll die Fusion zwischen der ProDiako und Agaplesion in trockenen Tüchern sein. Gravierende Veränderungen für das Schaumburger Projekt erwartet Kölking durch die neue Konzernstruktur nicht: „Agaplesion ist ist von unserem Konzept und vom Standort des Neubaus überzeugt.“

Nicht ganz so überzeugt dürfte der Frankfurter Konzern von den bisherigen Bemühungen der ProDiako sein, die roten Zahlen der Kreiskrankenhäuser in den Griff zu bekommen. Als Ziel hatte die Geschäftsführung unter Claus Eppmann und Christian von der Becke noch im Sommer 2009 ausgegeben, die sich in der Planungs- und Bauphase über fünf Jahre ansammelnden Verluste um 20 Millionen Euro abzuschmelzen und am Ende auf einen Fehlbetrag von 14 Millionen Euro zu deckeln. Dieses Defizit sei jetzt schon „faktisch erreicht“, sagt Landrat Jörg Farr.

Schreibt man die Verlustkurve linear fort, würde sich in drei Jahren ein Gesamtdefizit von etwa 32 Millionen Euro auftürmen – mehr als das Doppelte der ursprünglich angepeilten Summe. Nicht nur ProDiako und die Stiftung Bethel, auch der Landkreis müsste deutlich tiefer in die Tasche greifen als erwartet.

Im Konsortialvertrag ist geregelt, dass der Landkreis für ein kumuliertes Defizit bis 14,1 Millionen Euro allein gerade steht und für die folgende Charge bis 24,1 Millionen zur Hälfte aufkommt. Dass diese insgesamt 19,1 Millionen tatsächlich die Kreiskasse belasten, daran zweifelt eigentlich niemand mehr.

Allerdings würden für den Landkreis ohne Partner und ohne Neubau-Projekt noch deutlich höhere Verluste zu Buche schlagen. Und selbst ein Verkauf der Häuser an Interessenten wie Sana oder Rhön – damals die Alternative zum Neubau – wäre nach derzeitigem Stand noch teurer geworden: Der Landkreis hätte zwischen 21 und 29 Millionen zubuttern müssen. Die Frage ist nur, ob auch die letzte im Konsortialvertrag fixierte Verlustmarke gerissen wird und die Belastung für die öffentliche Hand noch höher ausfällt. Denn alle kumulierten Verluste über 31,1 Millionen Euro müssten allein vom Landkreis geschultert werden.

Erwartet wird, dass Agaplesion den Druck zur Kosteneinsparung in den drei Krankenhäusern erhöht. Betriebsbedingte Kündigungen sehe er nicht, sagt Kölking auf Nachfrage, eher gehe es darum, für eine stärkere Auslastung des Personals zu sorgen. „Die drei Häuser müssen sich untereinander mehr abstimmen.“ Bislang habe jedes Haus primär an sich gedacht, auch die Führungsebene habe nicht einheitlich agiert. Durch den neuen Kopf der Geschäftsführung, den 54-jährigen Ralph Freiherr von Follenius, soll sich das ändern.

Künftig soll „in Sparten“ statt „in Standorten“ gedacht werden, erklärt Kölking. Das heißt: Abteilungen sollen nicht dreifach vorgehalten, sondern an einem Standort zusammengeführt werden. Das gelte für die Verwaltung, aber auch für den medizinischen Bereich.

Nicht zur Debatte stehe die Schließung des Standortes in Rinteln, schon aus ökonomischem Kalkül: „Man gibt ein Marktgebiet nicht auf“, sagt Kölking. Vielmehr soll gerade hier in neue Angebote investiert werden. Der ProDiako-Geschäftsführer lässt durchblicken, dass die Eröffnung neuer Abteilungen im neuen Klinikum – wie etwa die Neurologie – in Rinteln vorweggenommen werden könnte.

Für den unzureichenden Abbau des Defizits macht Kölking aber nicht nur die mangelnde Verschränkung der Standorte verantwortlich, sondern vor allem die sich verschärfenden Rahmenbedingungen. Der jüngste Tarifabschluss etwa treibe die Personalkosten weiter nach oben, auch die Honorarkosten für Ärzte seien erheblich gestiegen. Maßgeblich waren letztlich aber auch interne Faktoren, allen voran das Scheitern der Verhandlungen um einen Haustarifvertrag. Allein durch ihn sollte das Defizit ursprünglich um zehn Millionen Euro verringert werden.

Jetzt geht es darum, das Defizit durch konsequenter genutzte Synergien einzudämmen. Farr geht davon aus, dass sich am Ende etwa 25 Millionen Euro Verluste ansammeln könnten. Das allerdings nur, wenn die von Kölking angekündigten Maßnahmen greifen. Sonst könnte das noch düstere Vertragsszenario von über 30 Millionen im Minus Wirklichkeit werden.